{"id":58,"date":"2020-05-12T22:28:41","date_gmt":"2020-05-12T20:28:41","guid":{"rendered":"http:\/\/agori.noblogs.org\/?p=58"},"modified":"2020-05-21T23:31:40","modified_gmt":"2020-05-21T21:31:40","slug":"der-tag-der-befreiung-als-diversity-event","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/agori.noblogs.org\/?p=58","title":{"rendered":"Der \u00bbTag der Befreiung\u00ab als Diversity-Event"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><em>Wie die Oldenburger Kulturszene gedenken will und dabei sich selbst feiert<\/em><\/p>\n<p class=\"western\"><a name=\"_GoBack\"><\/a>Die staatlich finanzierte Kulturszene Oldenburgs veranstaltete am 8. und 9. Mai \u201eGl\u00e4nzende Aktionstage der VIELEN\u201c, um damit <a href=\"https:\/\/www.kulturetage.de\/?id=1--x-350751}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eden 75. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus\u201c<\/a> zu feiern. Wenig verwunderlich handelt es sich dabei um ein Spektakel, das weniger die Befreiung vom Nationalsozialismus feiert, sondern in erster Linie das wiedergutgewordene, \u00bbvielf\u00e4ltige\u00ab Deutschland. So hei\u00dft es folgerichtig in der Ank\u00fcndigung der Kulturetage ganz im Sinne Weizs\u00e4ckers, man feiere die \u201eBefreiung Deutschlands\u201c. Diese \u00e4u\u00dferte sich jedoch f\u00fcr die deutsche Volksgemeinschaft, also die Mehrheit der Deutschen, als Niederlage. Nicht die \u00bbRettung\u00ab Deutschlands vor dem Nationalsozialismus gilt es deshalb am 8. Mai zu feiern, sondern die Befreiung der Opfer und Gegner des Nationalsozialismus vom Leid, das die Deutschen \u00fcber sie und die Welt gebracht haben. Um diesem ein Ende zu setzen, gab es keinen anderen Weg als den milit\u00e4rischen Sieg \u00fcber Deutschland.<\/p>\n<p class=\"western\">An einer Erinnerung an den Nationalsozialismus, seine Opfer und deutsche T\u00e4terschaft zeigt die Initiative jedoch wenig Interesse. Es scheint als sei der 8. Mai lediglich ein Aufh\u00e4nger f\u00fcr \u00bbirgendwas gegen Rechts\u00ab. Mit trashig-hipper Goldfolien\u00e4sthetik wird im Jargon des postmodernen Identit\u00e4tstheaters viel von \u00bbdiverser Gesellschaft\u00ab und \u00bbvielf\u00e4ltigen Identit\u00e4ten\u00ab geredet, aber wenig von der Ideologie des Nationalsozialismus und ihren gesellschaftlichen Ursachen. Durch die Kulturetage und Co. beworbene Programmbestandteile sind etwa eine \u201eGlanzvolle Selfiestation\u201c: \u201eWir m\u00f6chten noch mehr Vielfalt und klare Haltung zeigen. Kommt zu unserer goldenen Fotowand und teilt eure Statements und Selfies (\u2026) Damit allen klar ist: Nie wieder!\u201c Statt sich mit Opas und Omas Verbrechen w\u00e4hrend der NS-Zeit auseinanderzusetzen, kann man also auch einfach hippe Selfies mit Wohlf\u00fchlmessage machen: Hashtag #niewieder \u2013 ganz im Sinne einer narzisstischen Selbstbeweihr\u00e4ucherung, deren Z\u00fcge auch das Gedenken des wiedergutgewordenen Deutschlands tr\u00e4gt. \u201eNie wieder\u201c <i>was<\/i> genau? fragt man sich da nur.<\/p>\n<p class=\"western\">Weiterhin auf dem Programm steht das Singen einer bestenfalls als peinlich zu bezeichnenden <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yDCeWzzo5yI&amp;feature=youtu.be&amp;fbclid=IwAR0r0PErf6I1Y55dJY4-tha7kEDul_7-Z32irVHm746fcj1JzLBDyriRzUE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eNeuversion\u201c der Europahymne<\/a> im \u00bbDiversity\u00ab Jargon, in der jegliche Nationalstaaten als \u201evon gestern\u201c betitelt werden. Kein Gedanke wird darauf verschwendet, dass die Notwendigkeit eines j\u00fcdischen Nationalstaats bestimmt nicht \u00bbvon gestern\u00ab ist; vermutlich musste schon zu viel anderes \u00bbmitgedacht\u00ab werden. <a href=\"https:\/\/www.kulturetage.de\/?id=1--x-350751}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eine Lesung<\/a> soll \u201evielschichtige Blicke auf das Thema Freiheit und Frei.Sein\u201c pr\u00e4sentieren, wobei man sich fragt, was eine Autorin wie Juli Zeh mit der Befreiung der Welt von der deutschen Barbarei zu tun haben soll.<\/p>\n<p class=\"western\">\u00bbHighlight\u00ab der Aktion ist ein Live-Stream, der \u201egemeinsam mit allen Vielen\u201c auf Youtube unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/yDCeWzzo5yI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eNIE WIEDER \u2013 GL\u00c4NZENDER STREAM NORDWEST\u201c<\/a> angeboten wird. In der Beschreibung ist im besten Nazisprech von der besonderen Verantwortung der \u201eKulturschaffenden\u201c<sup><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\">1<\/a><\/sup> die Rede, welche ausschlie\u00dflich als Opfer des NS und nicht etwa auch als Unterst\u00fctzer, Profiteure und T\u00e4ter dargestellt werden.<sup><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\">2<\/a><\/sup> <a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\"><\/a>Moderatorin Aisha Abo-Mostafa vom Oldenburger Staatstheater macht deutlich, worum es der Initiative beim Gedenken an den 8. Mai geht: \u201eEndlich konnte Deutschland sich neu erfinden, als freiheitlich demokratischer Staat. Endlich konnten wir beginnen, alle unsere Nachbarn und Mitb\u00fcrgerinnen gleicherma\u00dfen zu achten, zu sch\u00e4tzen und zu lieben.\u201c Nicht zu \u00fcbersehen ist, dass es dabei vor allem ums deutsche Kollektiv und seine Errettung geht, denn das Individuum h\u00e4tte sich auch w\u00e4hrend des Nationalsozialismus nicht am Judenmord beteiligen m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"western\">Wo Deutschland mit seiner \u00bbVielfalt\u00ab im Zentrum steht, haben die konkreten, historischen Opfer offenbar keinen Platz, denn in den kompletten drei Stunden wird der Antisemitismus so gut wie \u00fcberhaupt nicht thematisiert, geschweige denn ein Wort \u00fcber seine zentrale Rolle f\u00fcr die deutsche Volksgemeinschaft verloren. Lediglich ein Besuch bei der J\u00fcdischen Gemeinde Oldenburg ist drin, damit wirbt man \u201ef\u00fcr mehr gegenseitiges Verst\u00e4ndnis, f\u00fcr mehr R\u00fccksicht und Respekt\u201c: So werden Mitglieder und die Rabbinerin zu Inhalten ihrer Religion befragt. Nat\u00fcrlich spricht nichts dagegen, mit der J\u00fcdischen Gemeinde \u00fcber ihr religi\u00f6ses Leben zu sprechen und zur Abwechslung mal mit anstatt \u00fcber Juden zu reden. Wenn man jedoch gleichzeitig g\u00e4nzlich ohne eine weitere Thematisierung des Antisemitismus auskommt, wie es im Stream der Fall ist, muss man dahinter ein Weltbild annehmen, das Antisemitismus allein durch deutsch-j\u00fcdische Begegnungen bek\u00e4mpfen m\u00f6chte. \u201eWas m\u00fcssen wir wissen, um mit ihrer Religion in Frieden zu leben?\u201c fragen die Interviewer zum Abschluss dreist naiv und reduzieren damit die best\u00e4ndige Bedrohung von Juden durch den Antisemitismus auf eine mangelnde Sensibilit\u00e4t und mangelndes Wissen gegen\u00fcber dem Judentum. Weder l\u00e4sst sich jedoch der dem Antisemitismus inh\u00e4rente Vernichtungsdrang durch Wissen \u00fcber das Judentum aus der Welt schaffen, noch geht es dem Antisemiten lediglich um Religion, vielmehr imaginiert er die Juden zur \u201eGegenrasse\u201c (Horkheimer\/Adorno) schlechthin. Vom Antisemitismus und seiner Bek\u00e4mpfung m\u00f6chte man bei den \u201eVielen\u201c aber offenbar weniger wissen, denn man hat ja das Allheilmittel \u00bbDiversit\u00e4t\u00ab.<\/p>\n<p class=\"western\">Schnitt, weiter gehts mit Fridays for Future, die \u00fcber \u201eKonsum- und profitorientiertes Wirtschaften\u201c und die Folgen f\u00fcr das Klima reden und sich angesichts des 8. Mai eine \u201eklimagerechte Zukunft, die frei von faschistischen, rassistischen, m\u00e4nnerdominanten Strukturen ist\u201c, w\u00fcnschen. Antisemitismus kommt in der Aufz\u00e4hlung leider nicht vor, die genannte \u201eM\u00e4nnerdominanz\u201c war hingegen nicht das Hauptproblem des Nationalsozialismus.<sup><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote1anc\">3<\/a><\/sup> Ist ja okay, sich mit Klimaschutz zu besch\u00e4ftigen, den 8. Mai in einen solchen Kontext zu setzen offenbart aber eine mangelnde Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Message am Ende: &#8222;Haltet euch an die Klimaziele, denn es ist mehr als Zeit&#8220; ist schon ziemlich deplatziert.<br \/>\nBernt Wach von der Kulturetage ist auch am Start, findet es wichtig, gemeinsam gegen rechte Tendenzen Stellung zu beziehen und betont einen politischen Anspruch von Kunst: \u201eWer auf der B\u00fchne steht, hat auch eine Verantwortung.\u201c Wie er dies in Einklang bringt mit dem Auftritt der Antisemitin Lisa Fitz in seiner Kulturetage, der trotz Gegenprotesten nicht abgesagt wurde, bleibt dabei sein Geheimnis.<br \/>\nEine Vertreterin der Evangelischen Kirche, die ebenfalls gerne mal mit antisemitischen Ausf\u00e4llen gl\u00e4nzt, freut sich zum Ende hin: \u201eWir wissen nun auch, wie wir aus der Geschichte lernen k\u00f6nnen, ohne nur gesenkten Haupts durch die Gegend zu gehen.\u201c Na Gott sei Dank hat das gel\u00e4uterte Deutschland nun gelernt, aus seinem Schuldbekenntnis einen Vorteil zu schlagen, dann steht der entspannten 8. Mai-Feierei eigentlich nichts mehr im Weg.<br \/>\nWenig \u00fcberraschend geht es in dem dreist\u00fcndigen Stream also weniger um ein propagiertes \u201ew\u00fcrdiges Gedenken\u201c an die historische Niederlage des Nationalsozialismus, die nur eine praktische historische Hintergrundfolie darstellt. Lediglich das Interview mit dem Historiker Ingo Harms ist lohnenswert, der auf nationalsozialistische Kontinuit\u00e4ten in der BRD verwies und als einer der wenigen \u00fcberhaupt \u00fcber das vorgebliche Thema sprach. Ansonsten verschwindet der spezifische Kontext des 8. Mai in einem Brei aus \u00bbFreiheit\u00ab, \u00bbVielfalt\u00ab, \u00bbOffenheit\u00ab, postmodernem Antirassismus, Klimapolitik und was gerade in der staatstragenden Zivilgesellschaft so angesagt ist. Die konformistische Oldenburger Kulturszene, die sich selbst f\u00fcr gar so \u00bbalternativ\u00ab h\u00e4lt, stellt sich offenbar unter dem 8. Mai eine Art hippen \u00bbDiversity-Feiertag\u00ab vor und ist nat\u00fcrlich ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, dem wiedergutgewordenen Deutschland den R\u00fccken zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p class=\"western\">Dem mantra-artig wiederholten \u201eWir sind die Vielen\u201c m\u00f6chte man deshalb mit Horkheimer entgegnen: \u201eDas Wir ist die Br\u00fccke, das Schlechte, das den Nazismus m\u00f6glich machte. Der Unterschied zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv wird eingeebnet, wer ihn bewahrt, steht drau\u00dfen, geh\u00f6rt nicht zu \u201auns\u2018, ist wahrscheinlich ein Kommunist.\u201c (aus: Wir Nazis, Notizen 1929-1969.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p class=\"sdfootnote\" align=\"left\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Dass es sich hierbei um einen NS Begriff handelt, ist bekannt: https:\/\/www.bpb.de\/politik\/grundfragen\/sprache-und-polit<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p class=\"sdfootnote\" align=\"left\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> zu deutschen K\u00fcnstlern und Kultur im NS siehe z.B.: https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article156765756\/Der-Deutschmueller-wird-Intendant-Ueberall.html<\/p>\n<p align=\"left\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote1sym\">3<\/a> zu T\u00e4terinnen siehe: Ljiljana Radoni\u0107: Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie \u00fcber Geschlechterverh\u00e4ltnis und Antisemitismus, 2004.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie die Oldenburger Kulturszene gedenken will und dabei sich selbst feiert Die staatlich finanzierte Kulturszene Oldenburgs veranstaltete am 8. und 9. Mai \u201eGl\u00e4nzende Aktionstage der VIELEN\u201c, um damit \u201eden 75. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus\u201c zu feiern. 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